Wendekreis des Krebses – Henry Miller

Seit Ewigkeiten steht Henry Miller auf meiner Liste. “Wendekreis des Krebses” ist das Buch von ihm, was die meisten kennen. Also bin ich auch blind diesem Schwenk der Masse gefolgt und habe mir dieses Buch gegriffen.

Es war jahrzehntelang verboten in den USA. Viele Rechtsanwälte und Richter waren damit beschäftigt herauszufinden, ob die Obszönität und die Derbheit des Inhalts der Gesellschaft zuzumuten seien. In Deutschland erschien die erste Ausgabe knapp 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung, das war im Jahre 1953.Cover Wendeskreis des Krebses von Henry Miller

Vorab sei dies verraten: Das was nun geschildert wird, haut heute niemanden vom Hocker. Es sei denn man ist zart besaitet und glaubt noch an die unbefleckte Empfängnis.

Natürlich, der Protagonist (das Wort passt aber gar nicht zu diesem Roman, ich nehme es mal, weil mir nichts Besseres einfällt) ist ein Amerikaner in Paris der 30er Jahre – das war’s aber auch schon, was dieses Buch an glatten Bildern liefern kann. Der Rest ist zerbrochen, verwinkelt und in Stücke geschlagen. Es ist eine surreale Darstellung eines zutiefst abgestiegenen Menschen, der sich im dreckigsten Kellers des Lebens aufhält, was für ihn vor allem aus Durchschnorren und Rumhuren besteht. Sex, Liebe, Essen, Emotionen und die Kunst sind die Inhaltsstoffe dieses Buches. Nicht wie man es sich allerdings denken würde. Beim Thema Essen geht es oft darum, dass er tagelang nichts gegessen hat und sich geistig fast in einem endlosen, riesigen Darm verwandelt. Wenn es um Sex geht, dann sind Tripper und Syphilis nie weit weg. Es ist eine geradezu verseuchte Welt, durch die er wandert. Derweil versucht er ständig Brot zum Essen zusammenzukratzen, eine Schlafgelegenheit zu finden oder eine Hure zu organisieren. Von der Liebe hat er auch ganz originelle Vorstellungen. So dient ihm als Liebesbeweis für seine Frau, die sich in den USA aufhält, die Tatsache, dass er beim Sex mit anderen Frauen an sie denken muss.

Ob man das alles ernst nehmen muss, ist aber eine Frage für sich. Wenn irgendein Autor unklar lässt, was er mit dem Buch sagen oder erzählen will, dann ist es Henry Miller. Es ist auch ein Buch, das trotz des ganzen Geschehens mit sehr wenig Inhalt auskommt. Vieles was der Autor loslässt sind Denkblähungen. Es geht, klar, auch um die Liebe zum Luxus, Kritik an der Gesellschaft, gegen und zugleich für den Materialismus, gegen die Prüderie, gegen aber auch ein bisschen für die USA. Alles wild durcheinander, alles unklar. Ich bin mir nicht sicher, ob der Protagonist immer der Gleiche ist. Der Plot wird einfach so gewechselt, ohne Bezug, ohne Zusammenhang. Noch mitten in einer Geschichten, springt er mitten die nächste. Es ist natürlich auch nicht chronologisch erzählt (das wäre ja zu einfach), aber ich hatte am Ende noch nicht mal eine Ahnung, was wohin gehört. So viele Personen, die vorkommen aber kaum bis gar nicht vorgestellt werden. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass man dieses Buch einfach ertragen muss. Oder man sollte es wie moderne Kunst betrachten: irgendwas soll das schon aussagen, aber ich bin mir noch nicht sicher was. Geht es hier um eine friedliche Hühnerfarm in Wisconsin oder übt er versteckte Kritik gegen den aufkeimenden Nationalismus? Ungefähr so breit ist die Spanne der Interpretationsmöglichkeit.

Ich habe drei Monate gebraucht, um das Buch zu lesen. Zwischendurch habe ich bestimmt sechs andere Bücher gelesen. Dabei hat es knapp 400 Seiten, also nicht viel. Aus heutiger Sicht ist es meiner Meinung kein Lese-Muss. Viele schreiben, dass es eines der einflussreichsten Bücher des 20 Jahrhunderts sei. Ja, das stimmt –  nicht einflussreich im 21. Jahrhundert. Wer allerdings Interesse hat, sich sprachlich zu erweitern, dem sei dieses Buch empfohlen. Ab Seite 100 glänzt es mit wunderbaren Metaphern. Ein letztes Wort der Warnung…man sollte “Der Fänger im Roggen” schon verdammt gut finden, oder vielleicht Ulysses gelesen haben (100 Seiten reichen), damit man ungefähr weiß, worauf man sich einlässt. Es ist eine harte Nuss, die bitter schmeckt.

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